Wie der Westen Desinformation in Afrika missversteht

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Virginia Kirst

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Was macht die Wagnergruppe in Mali, was Russland im Niger? Zu häufig schaut die westliche Welt durch ihre Brille auf den afrikanischen Kontinent und bewertet Einmischungen von Beteiligten über Muster, mit denen sie vertraut ist. Doch so wird die Rolle lokaler Akteur:innen übersehen und die Situation möglicherweise missverstanden.

Falschnachrichten in der Sahel-Region: ausländische oder inländische Einflussnahme?

Aus der Ferne ist es oft schwierig, die Lage in einem unbekannten Land einzuordnen. Die Versuchung ist groß, die Aufmerksamkeit auf Informationsschnipsel zu richten, die vertraute Elemente enthalten. Denn es ist einfacher, an Vertrautes anzuknüpfen und es sich zu merken, als Unbekanntes einzuordnen und zu verstehen. Problematisch wird es jedoch, wenn dem Bekannten so zu viel Relevanz eingeräumt und ein schiefer Blick entsteht.

Diesen Effekt hat Lassane Ouedraogo festgestellt, der am Center for Democracy and Development in Niger zu Falschnachrichten in der Sahel-Region forscht. Ouedraogo sagt, dass westliche Beobachter:innen sich häufig zu sehr für ausländische Desinformation in Westafrika interessieren und die Relevanz lokaler Akteur:innen unterschätzen. So sei etwa der Putsch, der in Niger im Juli 2023 stattgefunden hat, für Forschende, die sich mit der lokalen Desinformationslandschaft beschäftigen, keine so große Überraschung gewesen wie für westliche Beobachter:innen.

Westliche Kommentator:innen schauen auf Russland

Tatsächlich führt eine Google-Suche nach „Desinformation Westafrika“ zu einer Vielzahl deutsch- und englischsprachiger Artikel, die sich mit der Rolle der russischen Wagner-Gruppe in der Desinformationslandschaft in Westafrika beschäftigen. So schreibt etwa die Stiftung Wissenschaft und Politik in einem Policy Paper vom Dezember 2022: „Im post-truth Zeitalter wird deutlich anders kommuniziert, auf politischer wie auf gesellschaftlicher Ebene. (…) Der afrikanische Kontinent bildet keine Ausnahme. (…) Besonders die Einmischung von russischer Seite wird von Desinformations-Expert:innen und Entscheidungsträger:innen häufig problematisiert.“

Ein Artikel von Tagesschau.de beschäftigt sich mit „Russlands Strategie für Afrika“ und erklärt, dass Russland in mehreren afrikanischen Ländern versuche, seinen Einfluss auszuweiten und damit in fragilen Staaten durchaus erfolgreich sei. Und der Guardian berichtet, dass Russland Social Media nutze, um den Putsch im Niger für seine eignen Zwecke auszunutzen: „Moskau will seinen Einfluss in Afrika ausbauen, lukrative Verträge abschließen und sich Zugang zu wichtigen Ressourcen verschaffen“. Artikel, die die Rolle lokaler Akteur:innen untersuchen, finden sich auf den ersten Blick hingegen nicht.

Lokale Narrative zeichnen ein anderes Bild

Das hält Ouedraogo für problematisch: „Natürlich gibt es die Versuche ausländischer Akteure, Desinformation zu verbreiten. Doch sie sind minimal im Vergleich dazu, was lokale Akteure beitragen,“ sagt er. Relevanter seien die Narrative der lokalen Bevölkerung, mit denen diese versuche, ihre Realität zu beschreiben.

Ouedraogo verdeutlicht das am Beispiel der „Anti-Frankreich-Stimmung“, die seiner Meinung nach häufig missverstanden werde. Denn viele der westlichen Analysen der lokale Desinformationslandschaft, argumentieren, dass Russland gezielt versucht, die lokale Bevölkerung gegen die ehemalige Kolonialmacht aufzuwiegeln, um zur Destabilisierung der Region beizutragen. Und während Ouedraogo die Existenz dieser Versuche bestätigt, glaubt er, dass die lokalen Narrative eine wichtigere Rolle spielen.

„Wir müssen lernen, was mit der Anti-Frankreich-Stimmung wirklich gemeint ist“, sagt er. So bezeichne das Wort „Frankreich“ nicht zwangsläufig das Land Frankreich und seine Einwohner:innen. „Im nigrischen Kontext steht die Anti-Frankreich-Stimmung vielmehr für die Ablehnung der lokalen Elite, die seit vielen Jahrzehnten die Macht an sich gerissen hat.“ Die lokale Bevölkerung unterscheidet entsprechend nicht zwischen den Menschen, die sie heute regieren, und Frankreich – auch wenn die Regierung heute aus Landsmännern und -frauen besteht.

Zwischen Unterhaltung und Paradigmenwechsel

Wenn also Desinformation betrieben wird, die eine Anti-Frankreich-Stimmung befeuere, steht dahinter nicht zwangsläufig Russland, sondern viel häufiger das Bestreben lokaler Akteur:innen, sich an relevanten Diskursen zu beteiligen und die so generierte Aufmerksamkeit für ihre eigenen Zwecke zu nutzen – oder schlicht unterhalten zu wollen. So zitiert Ouedraogo in einem Bericht über Nigers „Fake News Ökosystem“ einen Blogger: „Hier in Niger konsumieren wir „Fake News“ oft und teilen sie mit unseren Freunden und Freundinnen. Nicht, weil wir an die Wahrheit in ihnen glauben, sondern weil sie uns unterhalten.“

Ouedraogo glaubt, dass die westlichen Beobachter den Putsch hätten antizipieren können, wenn sie die regionalen Social-Media-Kanäle beobachtet hätten. So gibt es etwa auf Facebook schnell wachsende Kanäle, auf denen Menschen langen Debatten über aktuelle Politik führen. Laut Ouedraogo sind die Diskussionsteilnehmer:innen „Pan-Afrikanisten“, deren Agenda darin besteht, einen Paradigmenwechsel in Afrika herbeiführen zu wollen.

„Die dort stattfinden Debatten, bestehen zu großen Teilen aus Desinformation und sind eine der treibenden Kräfte dahinter gewesen, die Menschen hinter den putschenden Militärregimen zu versammeln – egal ob in Burkina Faso, Mali oder jetzt eben Niger“, erklärt Ouedraogo. Teils verstünden die Diskussionsteilnehmer:innen, dass sie aktiv Desinformation verbreiten, doch das spiele für sie keine Rolle. Ihr Ziel sei vielmehr, die Menschen hinter einem gemeinsamen Ziel zu versammeln, ihnen einen Sinn zu geben und ein „gewisses Verlangen nach Revolte“ auszulösen, „damit sie Teil von etwas sind, das größer ist als sie selbst.“

Gestörte Information – und wer sie streut

Ouedraogo hofft, dass die Desinformationslandschaft in der Sahel-Region in der Zukunft anders verstanden und beforscht werden wird, um ein umfassenderes Bild zu erhalten: „Studien über Desinformation sollten sich künftig mit einem Feld befassen, das über die Information hinausgeht und die Art und Weise der Kommunikation berücksichtigt: man könnte es gestörte Information, information disorder, nennen. Dabei handelt sich zwar um Informationen, aber es sind Informationen, die faktisch in eine falsche Richtung gehen.“

Unter dieser Macro-Perspektive könnten alle Informationstrends der Region zusammengefasst und gesammelt ausgewertet werden – anstelle davon, sich nur darauf zu konzentrieren, welche Rolle einzelne Akteur:innen spielen. Diese Herangehensweise wäre auch von Vorteil für westliche Beobachter:innen, da sie nicht Gefahr laufen, einzelne ausländische Beteiligte überzubewerten.


Virginia Kirst

Virginia Kirst

Freie Journalistin

Ich arbeite als freie Journalistin zwischen Rom und Hamburg. Meine Spezialität ist, die römische Politik zu entwirren und zu zeigen, welche Folgen sie haben wird – für Berlin, Bern, Brüssel und Wien. Als Auslandskorrespondentin schreibe ich Analysen, Berichte, Interviews und Reportagen für Zeitungen, Magazine und Webseiten. Außerdem berichte ich im Live-Fernsehen über aktuelle Ereignisse und werde als Italien-Kennerin ins Fernsehen, ins Radio und zu Podcasts eingeladen.

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