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Auf TikTok den Umgang mit Medien lernen

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    Platform Governance

Virginia Kirst

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Movilizatorio setzt sich in Lateinamerika gemeinsam mit TikTok für die Förderung von Medienkompetenz ein. Eine ihrer innovativsten Methoden ist die Zusammenarbeit mit TikTok-Influencer:innen, die ihren Follower:innen in Videos erklären, wie sie Falschnachrichten erkennen.

Auf TikTok den richtigen Ton treffen

„Erschrecke dich nicht! Ich komme aus der Zukunft, in der Falschnachrichten die menschliche Zivilisation zerstört haben.“ Mit diesen Worten taucht der mexikanische Influencer Gerardo Vera in einem TikTok-Video im Badezimmerspiegel eines Mannes auf, der gerade dabei ist, einen zwielichtigen Post mit seinen Freunden zu teilen. Dieser prophezeit, dass „Klopapiermangel den dritten Weltkrieg auslösen könnte“.

Zuvor war im Video zu sehen gewesen, wie der Mann diesen Post entdeckte, während er auf der Toilette durch TikTok scrollte. Nach dem Händewaschen wollte er ihn weiterverbreiten – hätte Vera ihn nicht gerade noch rechtzeitig gestoppt. Anschließend erklärt er dem überraschten Mann durch das Zukunftsportal im Spiegel, es sei seine Mission, ihn davon abzuhalten, etwas zu teilen, dass er später bereuen werde. Dann leitet Vera ihn dabei an, den Inhalt der Nachricht und ihren Verfasser zu überprüfen.

Dieses Video, in der Vera den Superhelden im Kampf gegen Falschnachrichten spielt, stammt aus der Medienbildungskampagne „InforACCIÓN“ von TikTok und der zivilgesellschaftlichen Organisation Movilizatorio mit Sitz in Kolumbien und Mexiko. Sie haben die Kampagne, deren Name aus den Begriffen Information und Handeln zusammengesetzt ist, zwischen November 2021 und April 2022 in Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Peru durchgeführt.

Influencer:innen als zentrale Multiplikator:innen

InforACCIÓN sollte junge Menschen dazu befähigen, verlässliche von unzuverlässigen Informationen zu unterscheiden, sowie ethisch und verantwortungsbewusst mit anderen Nutzer:innen auf Social-Media-Plattformen zu interagieren. Eine anschließende Auswertung belegte, dass die eingesetzten Methoden so effektiv waren, dass Movilizatorio die Zusammenarbeit mit Influencer:innen zu einem festen Bestandteil seiner Arbeit gemacht hat.

Projektleiter Francisco González vom mexikanischen Büro von Movilizatorio berichtet, dass die Idee für das Projekt während der Corona-Pandemie entstanden ist: „Uns ist aufgefallen, dass ein großer Teil der Bürger:innen nicht zwischen falschen und wahren Informationen unterscheiden kann“, sagt er. Gleichzeitig habe es während der Pandemie mehr Cyber-Bullying gegeben. „Daher haben wir uns InforACCIÓN ausgedacht, das diese Tendenzen bekämpft, und es mit der Hilfe von TikTok umgesetzt.“ Die Inspiration stammte von ähnlichen Projekten in den USA.

Für das Projekt wählten Movilizatorio und TikTok neun Influencer:innen aus vier der Länder aus, um mit ihnen TikTok-Videos mit didaktischem Inhalt zu kreieren. Voraussetzung war, dass die Influencer:innen inklusive Inhalte produzieren mussten, die frei von Hass und Desinformation sind. So kam ein buntes Portfolio zusammen, zu dem etwa eine mexikanische Rugby-Spielerin, ein argentinischer Informatik-Student und ein homosexuelles Paar aus Kolumbien gehört.

Kreativität und Didaktik gehen Hand in Hand

Jede:r Influencer:in nahm dann zwei Videos auf und teilte sie über den eigenen Kanal: Eins basierend auf einem vorgegebenen Skript und eins auf einer eigenen Idee. Die Inhalte orientierten sich an der 16 Lektionen umfassenden medienpädagogischen Initiative DigiMENTE von Movilizatorio und haben Themen wie „Quellen vergleichen“, „Gemeinschaft bilden“ oder „Hack die Propaganda“.

Das Video, das davor warnt, Toilettenpapierknappheit mit dem Ausbruch des dritten Weltkriegs in Verbindung zu bringen, hat das Thema „die Herkunft überprüfen“. Der Polit-Influencer Vera, oder @gerardoveramx, der den Superhelden aus der Zukunft gibt, erreicht allein auf TikTok zwei Millionen Follower:innen, denen er im Rahmen von InforACCIÓN zeigt, wie sie unzuverlässige Quellen identifizieren können. Im Video kommt er gemeinsam mit dem TikTok-Nutzer zum Schluss, dass der Inhalt des Posts falsch ist, weil von keiner anderen Quelle darüber berichtet wird.

Außerdem identifizieren sie den Verfasser des Ursprungsposts („den Besitzer der Wahrheit“) als jemanden, der Gefallen daran findet, andere Menschen zu verwirren. Gemeinsam entscheiden sie, den Post nicht weiterzuverbreiten. Das Video endet mit einer kurzen Information dazu, wie Nutzer:innen Falschnachrichten auf TikTok melden können.

Nachweisliche Kompetenzsteigerungen

In einer repräsentativen Umfrage, die Movilizatorio und TikTok nach dem Ende der InforACCIÓN-Kampagne durchgeführt haben, zeigten sich bei den Rezipient:innen der Videos signifikante Steigerungen sowohl beim kritischen Denken als auch in ihrer Fähigkeit, ethisch auf den Plattformen zu interagieren. Während die Ergebnisse der Studie nicht öffentlich sind, berichtet González, dass sie Verbesserung um bis zu 42 Prozent gemessen hat.

Laut González war TikTok der ideale Partner für das Projekt, weil das Unternehmen hinter der Plattform die Medienkompetenz unter seinen Nutzer:innen verbessern will, um ein sicheres Umfeld zu schaffen. Rückblickend hält er das InforACCIÓN-Projekt für einen „großen Erfolg“, weil mit über einer Million Visualisierungen ein großes Publikum erreicht und deutliche Verbesserungen des kritischen Medienkonsums festgestellt werden konnte. „Es hat uns darin bestätigt, dass unsere Kampagnen in sozialen Netzwerken und auf digitalen Plattformen sehr effektiv sein können“, sagt er. Seitdem sieht Movilizatorio diese Art von Projekten als sinnvolle Erweiterung der didaktischen Aktivitäten an, die sie an Schulen organisiert.


Virginia Kirst

Virginia Kirst

Freie Journalistin

Ich arbeite als freie Journalistin zwischen Rom und Hamburg. Meine Spezialität ist, die römische Politik zu entwirren und zu zeigen, welche Folgen sie haben wird – für Berlin, Bern, Brüssel und Wien. Als Auslandskorrespondentin schreibe ich Analysen, Berichte, Interviews und Reportagen für Zeitungen, Magazine und Webseiten. Außerdem berichte ich im Live-Fernsehen über aktuelle Ereignisse und werde als Italien-Kennerin ins Fernsehen, ins Radio und zu Podcasts eingeladen.

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