Desinformation wirksam begegnen: Fünf Empfehlungen für ein gestärktes Desinformationsmonitoring im digitalen Raum

Charlotte Freihse, Clara Ruthardt

Artikel

Mit Blick auf die Bundestagswahl 2025 und darüber hinaus haben wir gemeinsam mit CeMAS – Center für Monitoring, Analyse und Strategie, dem Center for Advanced Internet Studies (CAIS), Democracy Reporting International (DRI), dem Institute for Strategic Dialogue Germany (ISD Germany) sowie dem Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) fünf zentrale Empfehlungen an die neue Bundesregierung formuliert. Ziel ist der Aufbau eines nachhaltigen und unabhängigen Desinformationsmonitorings – als Grundlage für wirksame Gegenmaßnahmen, faktenbasierte Regulierung und eine resiliente Demokratie.

Demokratischer Diskurs unter Druck: Warum Desinformationsmonitoring jetzt gestärkt werden muss

Ob Bundestagswahl 2025 oder Superwahljahr 2024 – keine Wahl fand ohne Desinformationskampagnen statt. In einer ohnehin von Krisen geprägten Zeit verschärft Desinformation Spaltung und Polarisierung von Gesellschaften und bedroht demokratische Prozesse. So wird mit Hilfe von gezielten Kampagnen das Vertrauen in Institutionen untergraben und versucht, die öffentliche Meinungsbildung zu manipulieren. Und auch über Wahlzyklen hinaus ist Desinformation konstanter Bestandteil unseres digitalen Informationsökosystems.

Gerade angesichts globaler Krisen und erstarkender autoritärer Akteure braucht es dringend eine unabhängige, belastbare Monitoring-Infrastruktur. Nur durch kontinuierliche Analyse lassen sich digitale Bedrohungen frühzeitig erkennen, wirksame Gegenmaßnahmen entwickeln und Plattformen in die Verantwortung nehmen. Vor dem Hintergrund wachsender Manipulationsmöglichkeiten mit Künstlicher Intelligenz wird dies umso deutlicher.

Wachsende Bedrohungslage – klare Herausforderungslage

Ein plattformübergreifendes Desinformationsmonitoring muss dringend gestärkt werden – nicht zuletzt angesichts der vielfältigen Herausforderungen, vor denen unabhängige Forschende und zivilgesellschaftliche Organisationen stehen:

  • Der Zugang zu relevanten Plattformdaten bleibt trotz Digital Services Act (DSA) stark eingeschränkt, die nationale Umsetzung verläuft schleppend und Anträge auf Datenzugang werden oft verzögert oder abgelehnt.
  • Gleichzeitig fehlt es an einer koordinierten Gesamtstrategie zwischen Staat, Wissenschaft und Zivilgesellschaft sowie an der nötigen Infrastruktur und Finanzierung für kontinuierliches Monitoring.
  • Hinzu kommt, dass entsprechende Initiativen zunehmend politisch unter Druck geraten – sowohl durch externe Einflussnahme als auch durch gezielte Diskreditierung im Inland.

Unsere gemeinsame Analyse zeigt: Der wachsende Einfluss gezielter Desinformation muss politisch ernster genommen werden. Dafür braucht es eine systematische, kontinuierliche Beobachtung irreführender Inhalte und Dynamiken – über Wahlzyklen hinaus.

Was jetzt politisch zu tun ist: Unsere fünf Empfehlungen im Kurzüberblick

  1. Aufbau eines unabhängiges Forschungsgremiums zur Bündelung von Expertise und Sicherstellung ethischer Standards im Monitoring.
  2. Nachhaltige und strukturelle Forschungsfinanzierung soll kontinuierliches Monitoring von Plattformen unabhängig von Wahlzyklen ermöglichen.
  3. Bundesnetzagentur als Digital Services Coordinator (DSC) mit ausreichend Planstellen und Forschungsbudget stärken, um Plattformaufsicht im Rahmen der Umsetzung des Digital Services Act nachzukommen.
  4. Kapazitäten zur Erkennung ausländischer Einflussnahme ausbauen:
    Die Projektgruppe ZEAM sollte weiterentwickelt und institutionell gestärkt werden – als zentrale Stelle zur frühzeitigen Erkennung koordinierter Desinformationskampagnen
  5. Desinformationsmonitoring als integralen Bestandteil einer erweiterten Sicherheitspolitik verstehen, die hybride Bedrohungen ganzheitlich begreift und ihnen entsprechend entgegentritt.

Für eine resiliente Demokratie im digitalen Raum

Desinformationsmonitoring ist kein technisches Randthema – es ist zentral für eine widerstandsfähige Demokratie. Unsere Empfehlungen zeigen konkrete Wege, wie Staat, Wissenschaft und Zivilgesellschaft besser zusammenarbeiten können, um die Resilienz von Gesellschaft und Informationsökosystemen insgesamt zu stärken.

Das vollständige Empfehlungspapier finden Sie hier: Download

Die Empfehlungen wurden unterzeichnet von (Stand: 18.03.2025):

  • Bertelsmann Stiftung
  • CeMAS – Center für Monitoring, Analyse und Strategie 
  • Center for Advanced Internet Studies (CAIS)
  • Democracy Reporting International (DRI) 
  • Institute for Strategic Dialogue Germany (ISD Germany) 
  • Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM)
  • Dr. Johannes Breuer | Digital Society Observatory, GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften
  • Dr. Philipp Darius | Centre for Digital Governance, Hertie School of Governance
  • Prof. Dr. Jasmin Riedl | Forschungsprojekt SPARTA, Universität der Bundeswehr München
  • Prof. Dr. Daniela Stockmann | Centre for Digital Governance, Hertie School of Governance
  • Univ.-Prof. Dr. phil. André Calero Valdez | Institut für Multimediale und Interaktive Systeme, Universität zu Lübeck
  • Dr. Wiebke Drews | Forschungsprojekt SPARTA, Universität der Bundeswehr München

Sie möchten ebenfalls unterzeichnen? Schreiben Sie uns unter: upgrade.democracy@bertelsmann-stiftung.de


Charlotte Freihse

Charlotte Freihse

Project Manager

Charlotte Freihse ist Projekt Managerin im Projekt „Upgrade Democracy“ der Bertelsmann Stiftung und beschäftigt sich dort vor allem mit Platform Governance und Desinformation sowie den Auswirkungen digitaler Technologien auf öffentliche Meinungsbildung und Diskurs. Vor ihrer Zeit in der Stiftung war sie freie Mitarbeiterin in der Nachrichtenredaktion des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Parallel dazu war sie Forschungsassistentin im europäischen Forschungsprojekt NETHATE und entwickelte mit der Universität Jena und mit Das NETTZ ein Kategorisierungssystem für Interventionsmaßnahmen gegen online Hassrede. Charlotte hat einen Master in Friedens- und Konfliktforschung mit einem Fokus auf digitalen Technologien in Konflikten sowie Friedensprozessen.
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Clara Ruthardt

Clara Ruthardt

Project Manager

Clara Ruthardt ist Projektmanagerin im Projekt „Upgrade Democracy“ der Bertelsmann Stiftung. In dieser Rolle arbeitet sie insbesondere zu den Auswirkungen digitaler Technologien auf den öffentlichen Diskurs und an der Entwicklung des Data Knowledge Hubs zum Monitoring von Desinformation. Sie hat Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz und der RGGU Moskau studiert und einen Master in Public Policy von der Sciences Po Paris erworben. Neben ihrer Expertise in qualitativer und quantitativer Datenanalyse verfügt sie durch ihre Arbeit in der Politikberatung sowie durch Tätigkeiten im Deutschen Bundestag und bei der Europäischen Kommission über umfangreiche Erfahrungen in politischer Umsetzung und Kommunikation.

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